Schlagwort: kleine Form

Judith Hermanns „Lettipark“: Bruchware Leben

Es gibt nur wenige Autoren, die von sich behaupten können, sie haben den Ton einer ganzen Generation, einer Zeit gleichzeitig aufgefangen und geprägt. Von Goethes „Werther“, über Döblins „Berlin Alexanderplatz“ bis hin zu Jack Kerouacs „On the road“ kann man sagen: Wer wissen möchte, wie sich eine Zeit angefühlt hat, muss in diese Bücher schauen. Auch Judith Hermann ist 1998 mit ihrem Erzählband „Sommerhaus, später“ ein solcher Paukenschlag gelungen. Der programmatische Titel, der das Begehren in eine vage Zukunft verlegt, beschreibt das Lebensgefühl der sich dem Ende zuneigenden Neunziger: Der kalte Krieg war gewonnen, das Ende der Geschichte wurde proklamiert, Frieden und Wohlstand, so glaubte man, würde sich nun überall durchsetzen. Solch ruhige Zeiten sind keine politischen Zeiten, weswegen sich eine ganze Generation junger Menschen ins Private zurückzog, entweder in die Leere der Spaßgesellschaft oder aber ins Reihenhaus am Stadtrand. Es war diese politische Windstille in die Judith Hermann mit ihren Erzählungen reinplatzte und, wenn man ihrem neusten Erzählband „Lettipark“ folgen möchte, hat sich seit dem nicht viel verändert. Weiterlesen