Schlagwort: Literatur

Zeruya Shalev: Der dunkle Pathos des Schmerzes

Die Frage, inwieweit ein einzelner Moment unser Leben verändern kann, berührt das menschliche Dasein bis ins Essentiellste. Daher würde man annehmen, dass auch jeder Mensch in gleichen Maßen davon betroffen ist. Allerdings gibt es Orte auf dieser Welt, in der das Schicksalshafte mit weitaus größerer Wahrscheinlichkeit in das Leben treten kann. Ein solcher Ort ist Israel: Immer wieder erschüttert von Terroranschlägen könnte hier das Nachdenken darüber, was das Narrativ des eigenen Lebens eigentlich zusammenhält, nicht virulenter sein. Diesem Thema hat sich Zeruya Shalev in ihrem neusten Roman „Schmerz“ versucht anzunähern. Weiterlesen

Frank Witzel: Die Ästhetik des Widerständigen

Frank Witzel hat den diesjährigen Buchpreis gewonnen und ganz Deutschland frohlockt: Die Jury hat Schneid bewiesen und ist nicht dem schon sicher geglaubten Sieger Ulrich Peltzer gefolgt. Sie hat auch keine gefühlige Entscheidung für Erpenbeck gefällt, die das Buch der Stunde geschrieben zu haben scheint. Die Wahl ist auf den Outsider Witzel gefallen, dessen megalomanischen Roman das Feuilleton schon lange vor der Entscheidung in den Literaturolymp gehoben hat. Die Jury hat damit nicht nur Courage gezeigt, sondern vor allem – so könnte man meinen – auf den Vorwurf reagiert, der schon lange an sie herangetragen wird: Der Buchpreis sei eine riesige Marketingmaschine, in dessen Jury zu viele sitzen, die direkt oder indirekt an der Vergabe des Preises profitieren: Der Buchhändler als Entscheidender darüber, welches Buch ausgezeichnet wird, das er danach dann auch noch verkaufen darf. Mit Witzels Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ haben sie nun alles, aber keinen potentiellen Beststeller ausgezeichnet. Zu dornig, zu sperrig ist der Text für den Durchschnittsleser. Die Jury hat damit die wirtschaftliche Konjunkturspritze für das eigene Prestige geopfert. Weiterlesen

Das literarische Quartett 2.0

An diesem Freitag um 23 Uhr lebt im ZDF die wohl legendärste Literatursendung des deutschen Fernsehens wieder auf: Das literarische Quartett. In seiner Urbesetzung stritten sich 1988-2001 Marcel Reich-Ranicki, der heute verstorbene Hellmuth Karaseck und Sigrid Löffler regelmäßig über Literatur. Diesen Job werden nun Volker Weidermann, Christine Westermann und Maxim Biller übernehmen. Die Besetzung legt die Vermutung nahe, dass mit polarisierenden Persönlichkeiten wie Biller, der bekanntlich gern provoziert, die hitzige Stimmung des Originals rekonstruiert werden soll. Und das ist auch okay so – über Literatur kann und darf gestritten werden.

Besprochen werden in der ersten Sendung mit Gastkritikerin Juli Zeh

  • Karl Ove Knausgards „Träumen“
  • Ilija Trojanows „Macht und Widerstand“
  • Chigozi Obiomas „Der dunkle Fluß“
  • Péter Gárdos‘ „Fieber am Morgen“

Ist die Neuauflage des literarischen Quartetts womöglich auch eine Reaktion auf die Debatte über das Wesen der Literaturkritik? Weidermann beklagt im Interview, dass andere Literaturbeiträge im Fernsehen zu viel auf Einspielfilme und Interviews setzen und keine richtige Kritik mehr üben. Wenn man darüber nachdenkt, stimmt das. Reich-Ranicki-artige Verrisse übt nur Denis Scheck in seinen Besprechungen der Spiegel-Bestseller-Listen in seinem Literaturmagazin Druckfrisch in der ARD. Deshalb ist es wohl – auch wenn Maxim Biller anderer Ansicht ist – sicherlich eine gute Idee, oder zumindest den Versuch wert, das literarische Quartett wieder aufleben zu lassen.

Hier gibt es eine wunderbare Sammlung der schönsten Zitate von Marcel Reich-Ranicki und hier gibt es einen Beitrag aus der Sendung aspekte zum alten und neuen literarischen Quartett.


Foto: Das Berliner Ensemble als Austragungsort des neuen literarischen Quartetts. [Quelle: http://www.zdf.de/das-literarische-quartett/ oder hier]

„Risiko“: Mit Kriegsausbruch ist zu rechnen

Steffen Kopetzky ist etwas sehr seltenes gelungen: Er hat einen Roman geschrieben, der über seinen historischen Stoff hinausgewachsen ist. Mit „Risiko“ legt er in diesem Jahr einen fulminanten Text auf, vor der jede Beschreibungsleistung kapitulieren muss. Ein Buch über den Ersten Weltkrieg? Auch. Ein Buch über Deutschland? Sicherlich. Ein Buch über den Nahen und Fernen Osten? Absolut. Ein Buch über die weltpolitische Gegenwart? Unbedingt!

Es hat etwas länger gedauert, bis der Erste Weltkrieg in der Belletristik angekommen ist. Nachdem der gefeierte Christopher Clark mit seinen „Schlafwandlern“ stürmische Reaktionen eingeheimst und der verfemte Herfried Münkler in dessen Windschatten seine ungleich weniger thesenstarke Publikation platziert hat, liegt der Staffelstab nun in den Händen des Schriftstellers. Weiterlesen

Das rote Jahrhundert: Nino Haratischwili’s „Das achte Leben“

Eintausendzweihundertachtzig Seiten umfasst Nino Haratischwilis 2014 erschienener Familienepos Das achte Leben (Für Brilka). Erzählt wird die Geschichte der georgischen Familie Jaschi, die im Jahr 1900 mit der Geburt Stasias beginnt und im Jahr 2007 mit der 14-jährigen Ururenkelin Brilka endet. Über sechs Generationen und acht Leben erzählt Haratischwili das sowjetische 20. Jahrhundert aus georgischer Sicht anhand einer turbulenten Familiengeschichte, die vor allem von den Frauen bestimmt wird. Die erzählten Schicksale sind vielfältig, gemeinsam haben sie jedoch eine gewisse Tragik, die stets von männlicher Gewalt auszugehen scheint. Trotzdem ist die Geschichte der Familie Jaschi die Geschichte eines Matriarchats. Eintausendzweihundertachtzig Seiten – wer die Herausforderung annimmt, der wird belohnt mit einem fesselnden Familienepos, einem historischen Roman über das vergangene Jahrhundert und einer Erzählstimme, die sich deutlich von der Konkurrenz abhebt. Haratischwilis Ton ist kein kalter, möglichst wirklichkeitsnaher Realismus mit detaillierten Schilderungen von Gewaltakten oder Sexszenen, wie er derweil vielfach zu finden ist, die Erzählstimme nähert sich vielmehr dem magischen Realismus an, der etwas märchenhaftes hat.  Weiterlesen

old but gold: Gustav Meyrink’s „Der Golem“

Wer an den Golem denkt, der assoziiert unverweigerlich Paul Wegener, den deutschen Filmpionier, seine drei Golem-Filme, die zwischen 1914 und 1920 gedreht und von denen vor allem „Der Golem, wie er in die Welt kam“ zum Stummfilmklassiker wurde. Gustav Meyrinks Roman, der 1913 und 1914 erstmals als Fortsetzungsreihe in den Weißen Blättern und 1915 in Buchform erschien, hat nichts mit den Filmen von und mit Paul Wegener zu tun, keiner der drei Stummfilme ist eine Adaption des literarischen Textes. Meyrinks „Golem“ wurde zum erfolgreichsten deutschsprachigen Roman in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass das Motiv Eingang in gleich drei der frühesten deutschen Kunstfilm-Produktionen fand und so unsterblich wurde, obwohl der Roman 1933 bei den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen für immer aus dem Kanon ausgelöscht werden sollte. Weiterlesen

Berlin oder Baku? Olga Grjasnowa’s „juristische Unschärfe einer Ehe“

Nach ihrem ersten Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt publizierte die Leipziger Literaturinstituts-Absolventin Olga Grjasnowa 2014 ihren zweiten Roman Die juristische Unschärfe einer Ehe. Auf der Figurenebene und thematisch ähneln sich der Zweitling und das Romandebüt stark: eine junge Protagonistin mit ursprünglich kaukasischer Herkunft, die nun in Deutschland lebt, flüchtet vor ihren Gefühlsverwirrungen und Beziehungsproblemen und unternimmt eine Reise, die sie zurück zu ihren Wurzeln führt.
In Die juristische Unschärfe einer Ehe ist es nicht mehr die Übersetzerin Mascha, sondern die Ballerina Leyla, die jedoch ebenfalls Baku stammt und nun nicht in Frankfurt, sondern in Berlin lebt. Als Berlin Leyla in die Knie zwingt [Ja, es ist ein Berlin-Roman!] verlässt sie die Stadt. Ihre Reise führt nicht nach Israel, sondern zurück nach Aserbaidschan, Georgien und Armenien. Stärker ins Zentrum rückt die Frage nach der gleichgeschlechtlichen bzw. bisexuellen Orientierung der Figuren. Die „juristisch unscharfe“ Ehe – das ist die Ehe zwischen Leyla, die Frauen liebt, vor allem sich selbst, und Altay, der Männer liebt, und eben Leyla. Weiterlesen

Rilke-Bashing auf höchstem Niveau: Klaus Modick’s „Konzert ohne Dichter“

Seit etwa 10 Jahren – Daniel Kehlmanns Vermessung der Welt im Jahr 2005 könnte als Ausgangspunkt gewertet werden – lässt sich ein Trend in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur feststellen: Die literarische Fiktionalisierung von historischen Begebenheiten und dem Leben realer Personen in Romanform [andere Beispiele wären u.a. Kracht’s grandioses Prosawerk Imperium (2012), Hans Pleschinski’s Königsallee (2013) oder Thomas Hettche’s Pfaueninsel (2014), das hier schon ausführlicher vorgestellt wurde].

In seinem Roman Konzert ohne Dichter erzählt Klaus Modick von der Künstlerkolonie in Worpswede aus dem personalen Blickwinkel von Heinrich Vogeler, der deutschen Ikone des Jugendstils. Anlässlich der Auszeichnung seines Bildes „Das Konzert (Sommerabend)“, oder eben „Konzert ohne Dichter“ mit der Großen Medaille für Kunst und Wissenschaft im Jahr 1905 reflektiert Vogeler die Entstehungsumstände des Bildes und das Verhältnis zu den im Werk abgebildeten Personen – und zu jenem Dichter, der zwar zum Künstlerkollektiv gehörte, aber nicht abgebildet ist: Rainer Maria Rilke. Konzert ohne Dichter ist eine Ekphrasis – und ein Abgesang des Mythos Rilke.  Weiterlesen

Leif Randt: Planet Magnon

Erfrischend: Leif Randt’s Roman trägt sich nicht in Berlin oder Buxtehude zu, Randt erfindet kurzerhand ein eigenes Sonnensystem. Dem Leser begegnen jedoch keine Aliens, sondern Menschen in einer Gesellschaftsstruktur, die unserer eigenen nicht unähnlich ist. Randts literarische Welt: ein Paralleluniversum.

Das Sonnensystem, das der Rezipient aus der Ich-Perspektive des Protagonisten Marten Eliot kennenlernt, ist geprägt von verschiedenen Kollektiven, welche ihren Mitgliedern Werte und einen spezifischen Habitus vermitteln: vom spezifischen Sprechakt über die Konzeption von Liebe bishin zu Gemeinschaftsriten und Ernährungsweisen ist die erzählte Gesellschaft durchstrukturiert. Über allem schwebt die Actual Sanity (AS), ein Computersystem, das seit ihrer Installation die Geschichte und Zeit beschleunigte, bei der Regulierung des Sozialsystems durch die Auswertung von Statistiken maßgeblich mitwirkt und ein neues Zeitalter begründete. Weiterlesen

Robert Schindel und die österreichische Amnesie

Frühling 1944 in Österreich: Robert Schindel, Sohn jüdischer Kommunisten, erblickt das Licht der Welt. Das Kriegsende 1945 erlebt Schindel in einem Wiener Kinderkrankenhaus, wo zuvor seine Deportation nach Auschwitz und Theresienstadt verhindert und sein Überleben gesichert wurde. Seine Mutter kehrte aus Auschwitz und Ravensbrück zurück, während sein Vater im Dachau ermordet wurde.

Ab den 1980er Jahren macht sich Schindel vor allem in Österreich einen Namen als Lyriker. Zum Hauptthema seines prosaischen Werks macht der Schriftsteller später die Frage nach der österreichischen Schuld in der Shoah. Seine Romane „Gebürtig“ (1992) und „Der Kalte“ (2013) thematisieren den Umgang mit der Shoah aus jüdischer und nicht-jüdischer Perspektive in Österreich über die Generationen hinweg und reflektieren die Waldheim-Affäre der 1980er Jahre in Wien, der „Welthauptstadt des Vergessens“. Schindel dokumentiert und poetisiert ein Stück österreichische Zeitgeschichte. Weiterlesen