Schlagwort: Literaturkritik

Der Großmeister der Kritik: Deborah Vietor-Engländers Alfred Kerr-Biographie

Wenn er das Theater betrat, erstarrte der Saal in ehrfürchtiger Stille. Dramatiker und Schauspieler zitterten, wenn sie am Tag nach der Premiere die Zeitung aufschlugen, um seine Besprechung zu lesen. Millionen von Lesern zwischen Königsberg und Paris berichtete er wöchentlich über die kleinen und großen Verfehlungen der Berliner Kulturelite, aber auch aus seinem Privatleben: Vor 100 Jahren gehörte Alfred Kerr zu den prominentesten Berlinern seiner Zeit. Endlich hat Deborah Vietor-Engländer dem Großmeister der Kritik eine ausführliche Biographie gewidmet. Weiterlesen

Alfred Kerr: Der Kritiker als Überkünstler

Bis zu seinem Tod im Jahr 2013 hatte die deutsche Literaturkritik ihren Großmeister in Marcel Reich-Ranicki, heute sitzt Maxim Biller im neu aufgelegten Literarischen Quartett und polarisiert – doch wer war vor einhundert Jahren der umstrittendste Literaturkritiker seiner Zeit? Die Antwort ist einfach: Alfred Kerr. Der 1867 in Breslau geborene Alfred Kempner, der seit seinem 20. Lebensjahr unter dem Pseudonym veröffentlichte und 1909 vollends seinen Geburtsnamen ablegte, um ihn in Kerr zu ändern, publizierte rund vierzig Jahre lang vornehmlich Theaterkritiken in den bedeutendesten Feuilletons im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Zunächst war „Der Tag“, ab 1919 das „Berliner Tageblatt“ sein Auftraggeber. Er schrieb nicht nur jährlich mehrere Dutzend Theaterkritiken, sondern entwickelte auch eine Poetologie der Kritik. Weiterlesen

Marcel Reich-Ranicki: Die Verteidigung der Kritik

Bloggern wird mitunter vorgeworfen, sie führen zu selten die theoretische Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Tätigkeit. Dabei ist diese zu bestimmen gar nicht so einfach, schließlich könnte das Bild, das alleine die deutschen Buchblogger ergeben, heterogener kaum sein. Zwar ist den professionellen Feuilletons längst eine ernstzunehmende Konkurrenz erwachsen – auch darüber ließe sich so manch wütender Angriff aus den journalistischen Reihen erklären – doch wo die Reise am Ende hingeht, ist offen: schließlich sind so gut wie alle Blogs immer noch im Freizeitstatus und dadurch stetig von Zeitnot oder Perspektivlosigkeit bedroht. Doch die Bekanntheit, die manch ein Vertreter der neuen Zunft mittlerweile erlangt hat, entlässt nicht aus der Verantwortung, sich ständig zu fragen: Was soll das ganze eigentlich? Wen könnte man da besser befragen als den schmerzlich vermissten Marcel Reich-Ranicki. Weiterlesen

Der Briefwechsel: Marcel Puntilla und sein Knecht Rühmkorf

Als 1974 der FAZ-Literaturchef Marcel Reich-Ranicki an den damals zwar bekannten, aber keineswegs erfolgreichen Schriftsteller Peter Rühmkorf schrieb, war dieser Brief mit einem Versprechen verbunden, das Jahrzehnte Bestand haben sollte: „Was das Finanzielle betrifft: Sie können sich sicher sein, daß ich Sie so gut behandeln werde, wie Sie es verdienen – und ich meine das nicht etwa ironisch.“ Das mag einem prosaisch vorkommen, aber tatsächlich hat es den Autor mit ermöglicht. Rühmkorf schrieb in all der Zeit viel und eifrig für die FAZ und konnte so jene Phasen überbrücken, die nicht mit Literaturpreisen gepflastert waren. Der in diesem Jahr publizierte Briefwechsel zwischen Literaturpapst und Lyrikkönig wirft ein Licht auf zwei zentrale Personen der deutschen Nachkriegsliteratur, aber noch viel mehr auf ein gut geöltes Literaturfördersystem unter Reich-Ranickis Ägide. Weiterlesen

Das literarische Quartett 2.0

An diesem Freitag um 23 Uhr lebt im ZDF die wohl legendärste Literatursendung des deutschen Fernsehens wieder auf: Das literarische Quartett. In seiner Urbesetzung stritten sich 1988-2001 Marcel Reich-Ranicki, der heute verstorbene Hellmuth Karaseck und Sigrid Löffler regelmäßig über Literatur. Diesen Job werden nun Volker Weidermann, Christine Westermann und Maxim Biller übernehmen. Die Besetzung legt die Vermutung nahe, dass mit polarisierenden Persönlichkeiten wie Biller, der bekanntlich gern provoziert, die hitzige Stimmung des Originals rekonstruiert werden soll. Und das ist auch okay so – über Literatur kann und darf gestritten werden.

Besprochen werden in der ersten Sendung mit Gastkritikerin Juli Zeh

  • Karl Ove Knausgards „Träumen“
  • Ilija Trojanows „Macht und Widerstand“
  • Chigozi Obiomas „Der dunkle Fluß“
  • Péter Gárdos‘ „Fieber am Morgen“

Ist die Neuauflage des literarischen Quartetts womöglich auch eine Reaktion auf die Debatte über das Wesen der Literaturkritik? Weidermann beklagt im Interview, dass andere Literaturbeiträge im Fernsehen zu viel auf Einspielfilme und Interviews setzen und keine richtige Kritik mehr üben. Wenn man darüber nachdenkt, stimmt das. Reich-Ranicki-artige Verrisse übt nur Denis Scheck in seinen Besprechungen der Spiegel-Bestseller-Listen in seinem Literaturmagazin Druckfrisch in der ARD. Deshalb ist es wohl – auch wenn Maxim Biller anderer Ansicht ist – sicherlich eine gute Idee, oder zumindest den Versuch wert, das literarische Quartett wieder aufleben zu lassen.

Hier gibt es eine wunderbare Sammlung der schönsten Zitate von Marcel Reich-Ranicki und hier gibt es einen Beitrag aus der Sendung aspekte zum alten und neuen literarischen Quartett.


Foto: Das Berliner Ensemble als Austragungsort des neuen literarischen Quartetts. [Quelle: http://www.zdf.de/das-literarische-quartett/ oder hier]