Schlagwort: Maxim Biller

Saul Bellows „Herzog“: „His happiness was painful.“

Bellow-Herzog

Die Ich-Erzählung ist gegenwärtig die dominante Erzählperspektive in der deutschsprachigen Literatur. Sie verspricht Unmittelbarkeit, versucht erst gar nicht so etwas wie Objektivität vorzugaukeln und hat die Allmacht des auktorialen Erzählers des 19. und 20. Jahrhundert verloren. In ihr lassen sich innere Vorgänge nicht mehr ohne weiteres von äußeren trennen, jede Wahrnehmung ist vom Ich bestimmt. Auch wenn der Ich-Erzähler nicht exklusiv der Autobiographie vorbehalten ist, birgt er immer die Versprechung auf eine Instanz, die für das Erzählte einsteht, zur Not auch mit dem Leben. Welch Irrsinn! Wer heute noch mal Saul Bellows „Herzog“ liest, kann die Dominanz des Ichs nur bedauern. Weiterlesen

2016: Zehn Bücher, die bleiben

Tops2016

Wer das Jahr 2016 noch irgendwie retten möchte, der kann es vielleicht mithilfe der Literatur versuchen. 2016 war das Jahr eines Literaturnobelpreisträgers, der kein Literat ist, das Jahr, in dem das Ferrante-Fieber Deutschland erreicht hat und das Jahr einer sehr langweiligen Buchpreis-Longlist. Vor allem aber war 2016 ein Jahr mit guter Literatur. Hier sind die – natürlich wieder offiziell und objektiv ermittelten – zehn besten Veröffentlichungen dieses Jahres:

Christian Kracht: Die Toten
Ein neuer Kracht-Roman ohne Kontroverse? Das geht nicht. Hat sich auch Jürgen Kaube gedacht und seinem Kollegen Scheck ans Bein gepinkelt. Kracht lässt sich von so viel Streitlust nicht beeindrucken und hat mit „Die Toten“ den Roman des Jahres geschrieben.

Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex
Weil Thomas Glavinic immer so viel Thomas Glavinic sagt, glaubt die deutschsprachige Kulturlandschaft Thomas Glavinic würde nur über Thomas Glavinic schreiben. Auch „Der Jonas-Komplex“ ist wieder deutlich schlauer als seine Leser.

Jörg Magenau: Princeton 66
Wer sich immer schon geärgert hat, zu jung und untalentiert zu sein, um auf eine Tagung der Gruppe 47 eingeladen worden zu sein, sollte „Princeton 66“ lesen. Aus Jörg Magenaus großartigem Buch qualmt Grass’scher Pfeifendampf.

Don DeLillo: Zero K
Don DeLillo schreibt seit mehr als 40 Jahren großartige Bücher und scheint im Alter noch besser zu werden. Auch „Zero K“ ist wieder radikal und groß.

Anja Kümmel: V oder die vierte Wand
Anja Kümmels Roman „V oder die vierte Wand“ zu lesen, heißt Geschichte noch mal ganz anders zu denken. In einer Fülle von Zukunftsvisionen, die 2016 erdacht worden sind, ist „V“ ein echtes Highlight.

Chaim Noll: Schlaflos in Tel Aviv
„Schlaflos in Tel Aviv“ versammelt Erzählungen, die jede für sich, aber vor allem in ihrer intelligenten Anordnung wirken und ein facettenreiches Bild von deutsch-jüdischer Identität gestern, heute und morgen vermitteln. Chaim Nolls Erzählband ist der beste des Jahres.

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran
Das vielleicht beste und vielversprechendste Debüt des Jahres hat Shida Bazyar vorgelegt: „Nachts ist es leise in Teheran“ ist brillant strukturiert, poetisch, hochaktuell und zeitlos zugleich. Bitte mehr davon!

Maxim Biller: Biografie
Ja, Maxim Biller ist umstritten. Die Lektüre seines 900 Seiten starken Monumentalromans „Biografie“ ist aber ohne Frage ein Vergnügen. Voll klugem Humor und dabei bitterernst, inspiriert von Roth und Bellow, aber mit unverwechselbarem Biller-Sound – das schaffen nicht viele.

Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs
Dystopien und Endzeitphantasien haben Konjunktur. Stockmanns „Fuchs“ wagt nicht nur das fiktionale Denkexperiment der Apokalypse, sondern auch ein poetologisches Experiment. Im wahrsten Sinne des Wortes: fantastisch!

Deborah Vietor-Engländer: Alfred Kerr. Die Biographie
Alfred Kerr war der Reich-Ranicki der späten Kaiserzeit und der Weimarer Republik: Geliebt, gefürchtet, bewundert, geschätzt. Endlich kommt er dank Deborah Vietor-Engländer zu einer wohlverdienten Biographie, die seine Bedeutung für die deutschsprachige Literatur und das Theater des 20. Jahrhunderts verdeutlicht, genauestens recherchiert ist und einen Einblick in das Werk des Großmeisters gibt.

Kaffee statt Kokain: Julia Zanges „Realitätsgewitter“

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Julia Zange ist viel beschäftigt: Sie spielt gerade ihre erste Hauptrolle im Film „Mein Bruder Robert“, der 2017 in die Kinos kommen soll und hat ganz nebenbei ihren neuen Roman „Realitätsgewitter“ vorgelegt, der nicht wie der Vorläufer „Die Anstalt der besseren Mädchen“ im Suhrkamp Verlag, sondern bei Aufbau erschienen ist. Auf dem Buchumschlag verkündet Maxim Biller: „Das kann nur Julia Zange: Alle zehn Jahre ein Buch schreiben, das man nicht mehr vergisst!“. Es mutet ironisch an, dass nun eben jenes Buch von Zange ein Schicksal zu ereilen droht, zu dem Biller mit seinem Roman „Esra“ den Präzedenzfall lieferte: angeblich haben Zanges Eltern eine einstweilige Verfügung gegen den Roman eingereicht [mehr hier], weil sie sich wiedererkannt haben wollen. Ist der Titel des Romans also Programm? Weiterlesen

Daddy Issues: Maxim Billers „Biografie“

Biografie heißt der lang erwartete neue Roman von Maxim Biller, der in den letzten Monaten vor allem durch seine umstrittenen Auftritte im neuen Literarischen Quartett für Aufsehen sorgte. Fast jeder hat seitdem eine Meinung zum Kritiker Biller: man hasst ihn oder man liebt ihn. Den Schriftsteller Biller scheinen dagegen nur wenige zu kennen. Ähnlich wie der Ich-Erzähler Solomon Karubiner, der sich im Roman als der meistdiskutierte und gleichzeitig am wenigsten gelesene deutsche Schriftsteller tituliert, ist auch das literarische Werk Maxim Billers bis auf den sagenumwogenden, verbotenen Roman „Esra“ den meisten Kritikern unbekannt. Diejenigen Biller-Kritiker, die sich skeptisch an den 900 Seiten starken Roman „Biografie“ trauen, finden wahrscheinlich Grund zur Kritik, eine leichte Lektüre ist dieser Text nicht. Wer aber durchhält, wird mit dem unverwechselbaren, einzigartigen Biller-Sound, viel Humor und einem großen Werk der deutschen Gegenwartsliteratur belohnt. Weiterlesen

Thomas Manns böser Zwilling: Maxim Billers „Im Kopf von Bruno Schulz“

Im April 2016 erscheint der neue Roman „Biografie“ von Maxim Biller bei Kiepenheuer & Witsch. Seit seiner letzten literarischen Publikation, dem schmalen Novellenbändchen „Im Kopf von Bruno Schulz“ aus dem Jahr 2013, steht Biller seit einigen Monaten vor allem durch seine launigen Auftritte im Literarischen Quartett im Fokus des Literaturbetriebs und wird dafür gleichermaßen gelobt und angefeindet. Dabei gerät sein eigenes literarisches Werk immer weiter aus dem Blickfeld – vollig zu Unrecht, wie sich an der Bruno Schulz-Novelle zeigen lässt. Weiterlesen

Literarisches Quartett: In der Fernsehhölle geht (noch) nichts auf

Fernseh-Piloten sind eine prekäre Sache: Auf der einen Seite sollen sie Zuschauer gewinnen und den Ton für folgende Episoden setzen, auf der anderen Seite muss sich genau dieser Ton meist noch finden. Oftmals haben die großen Fernsehsendungen grauenhaft-langweilige Anfänge. Gestern Abend war es schließlich soweit, das Literarische Quartett wurde aus den Untiefen des ZDF-Archiv geborgen und neu aufgesetzt. Langweilig war es nicht, aber der Zuschauer merkte jede Minute: Hier muss sich noch einiges zurechtruckeln, auch weil das ZDF für jede mutige Entscheidung doppelt so viel Mutlosigkeit zeigt. Weiterlesen

Rainald Goetz: Protokollant! der Gegenwart?

Rainald Goetz erhält den Büchner-Preis. In ihrer Begründung teilt die Jury unter anderem mit: „Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zeichnet einen Autor aus, der sich mit einzigartiger Intensität zum Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur gemacht hat.“ Das Label des Chronisten wurde dankend von medialer Seite angenommen. Da war mal vom Protokollanten die Rede oder aber von der einzigartigen Gabe, einen gewissen Sound zu verstehen. Einig waren sich alle, dass Rainald Goetz sich wie kaum ein anderer in der Gegenwart bewegt. Nur Georg Diez beschwerte sich lieber über Literaturpreise an sich als sich mit Goetz auseinanderzusetzen.

Doch worin besteht dieser besondere Draht zur Gegenwart?  Weiterlesen