Schlagwort: Moderne

Hanns Zischlers „Kafka geht ins Kino“: Kaum gestohlen, schon im Kino

Als das Kino zur Jahrhundertwende aufkam, galt es zuerst als Kuriosität. Das Kino fand man nicht auf den großen Boulevards, sondern auf den Jahrmärkten, gestaunt wurde nicht über den künstlerischen Gehalt der kurzen Filme, sondern über die Tatsache ihrer Existenz an sich. Doch dass das Kino mehr als eine Kuriosität war, deuteten schon die ersten Schnipsel an: die berühmte Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof von La Ciotat. Der Film war eng mit dem technischen Fortschritt verbunden; das Kino ist nicht einfach nur eine moderne Kunstform, sondern sollte die gesamte Wahrnehmung der Welt verändern. Das aufgenommene Bild wurde plötzlich flüchtig, so wie der Blick aus dem Zug ein flüchtiger wurde. Franz Kafka, der Jahrhundertschriftsteller, war vom Tempo der Jahrhundertwende angezogen und gleichzeitig verschreckt. Nachzulesen ist das nirgendwo so aufregend wie in dem neuaufgelegten Text von Hanns Zischler: „Kafka geht ins Kino“. Weiterlesen

Ayn Rands „The Fountainhead“: Die Vorsehung des Holzkopfs

Ayn Rand-Fountainhead

Seit der Wahl von Donald Trump ist die halbe westliche Welt darum bemüht, sich selbst zu erklären, wie es dazu kommen konnte: Identitätspolitik und der weiße Arbeiter, der darüber vergessen wurde, Putins Trolle, Wut gegenüber dem Establishment, Misogynie in der amerikanischen Gesellschaft – mit der Ratlosigkeit der Medien wächst die Zahl an Gründen. Mit als letztes wird die Literatur befragt, was natürlich ein Fehler ist, denn in der Literatur hat sich meist immer schon alles abgespielt, bevor es passiert. Nicht umsonst wurde bei Trump immer wieder eine ideologische Nähe zu einer der wichtigsten Schriftstellerinnen des amerikanischen 20. Jahrhunderts festgestellt – Ayn Rand. Wer heute ihren Roman „The Fountainhead“ noch mal liest, muss sich tatsächlich fragen: wusste Ayn Rand mehr? Weiterlesen

Walker Percys „Der Kinogeher“: Die traurigen Automaten-Menschen

Auf die Frage, wieso der moderne Mensch so traurig ist, haben verschiedene Denkschulen, Ideologien und Disziplinen unterschiedliche Antworten gefunden: der Marxist ruft „Entfremdung“ und meint damit, die Arbeitskraft für fremde Zwecke verdingen zu müssen, die wilden Wiener der Jahrhundertwende proklamierten die Sprachkrise und Sigmund Freud saß daneben und stellte die psychologische Kränkung fest, die bekannterweise darin bestünde, „nicht mehr Herr im eigenen Hause“ zu sein. Der moderne Mensch bewegt sich – so die These – in dem schnell mal als zynisch abgetanen Paradox, einen immer (zumindest für einige) steigenden Lebensstandard zu produzieren und gleichzeitig immer trauriger zu werden. Diese Traurigkeit besteht darin, sich nicht mehr zu sich und seiner Umgebung in Bezug setzen zu können und Fremder im eigenen Leben zu sein. Die immer stärker werdende Sehnsucht nach dem Authentischen ist ein Symptom dieses Phantomschmerzes der Gegenwart. Das Narrativ vom traurigen Menschen der Moderne ist, wie sich zeigt, alt und traditionsreich. Einer der wichtigen Wegpunkte dieses Narrativs ist ganz sicher Walker Percys „Der Kinogeher“, das in den Achtzigern von Peter Handke ins Deutsche übertragen und vom Suhrkamp-Verlag neu aufgelegt wurde. Weiterlesen

Matthias Engels‘ „Wilde & Hamsun“: Kaffeefahrt durch die Weltgeschichte

Im Jahr 1884 kam eine internationale Delegation nach Washington D.C., um ein dringliches Thema zu besprechen: Ein neuer, vereinheitlichter Nullmeridian sollte bestimmt werden, diejenige senkrechte Linie, die zum Bezugspunkt für alle Längengrade wird und zur Bestimmung der Weltzeit dient. Schnell ist man sich einig, der Nullmeridian sollte auf neutralem Grund und möglichst an einem der großen Observatorien verlaufen. Doch was ist im Jahre 1884 schon neutraler Grund, wo doch die Hälfte der Welt zum Commonwealth gehörte. Nach einigem diplomatischen Gerangel einigte man sich schließlich darauf, dass der Nullmeridian so gelegt werden würde, dass er die Londoner Sternwarte Greenwich kreuzen würde. Die Entscheidung hatte am Ende wenig mit Wissenschaft, viel mehr mit nationaler Geltungssucht und Pragmatik zu tun. Doch die Geschichte der Washingtoner Konferenz zeigt auch: So willkürlich wie die Menschheit die Erde eingeteilt hat, so willkürlich lassen sich auch Episoden aus dem Weltverlauf herausgreifen, am Ende hängt doch alles irgendwie miteinander zusammen. So geschehen in Matthias Engels‘ Roman „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“, eine Geschichte des Scheiterns, in allen Belangen. Weiterlesen

Karl Schefflers Berlin: Aufs falsche Pferd gesetzt

Berlin verändert nicht nur sich selbst, Berlin verändert auch das Gesicht der Bundesrepublik. Anstelle des verschlafenen, aber sympathischen Provinznestes Bonn ist die Millionenstadt Berlin getreten und das hatte Folgen: Mit magnetischer Wirkung zog die neue Hauptstadt politische Spieler, kulturelle Einrichtungen und Wirtschaftsunternehmen an und beendete damit eine jahrzehntelang bestehende föderale Ordnung Deutschlands, die sich nicht nur auf das Politische beschränkte. Das Berlin unserer Tage ist längst nicht mehr nur die unschuldige Partyspielwiese junger Schweden und Spanier, sondern ein Ort, an dem kulturelle und politische Macht kulminiert. Es lohnt daher unbedingt, über diese Stadt und was sie mit dem Rest Deutschlands anstellt, Überlegungen anzustellen. Florian Illies, Feuilletonist und Autor des Verkaufserfolgs „1913“, hat sich für dieses Vorhaben etwas ausgedacht: Er hat Karl Schefflers „Berlin – ein Stadtschicksal“ wieder ausgegraben, um zu zeigen, wie scharf die Kritikerklinge Schefflers auch nach hundert Jahren noch ist und wie Berlin immer noch an denselben Problemen laboriert. Doch leider hat er es versäumt, Scheffler genau zu lesen. Weiterlesen

Louis-Ferdinand Céline: Expedition zur Kehrseite der Zivilisation

Als im letzten Jahr die sonst so belesene Sibylle Lewitscharoff in ihrer Dresdener Rede gegen unnatürliches Leben wetterte und Kinder, die aus künstlicher Befruchtung entstanden sind, als Halbwesen bezeichnete, war die Aufregung zurecht groß. Dabei unterlag die Empörung einem alten Missverständnis: Der poetische Mensch müsste auch ein intelligenter Mensch sein. Nun ist Lewitscharoff eine gute, aber keine epochenmachende Schriftstellerin und mit ihrem in der schwäbischen Provinz gegorenen Unmut gegen die Moderne steht sie im Land der Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger nicht alleine da. Schwerer wiegt der Fall Louis-Ferdinand Céline. Denn dem 1894 geborenen Schriftsteller gelang mit seinem Debütroman „Reise ans Ende der Nacht“ ein Meisterwerk. Hätte ihn nach der Publikation der Blitz getroffen, er wäre als einer der größten Franzosen in die Geschichte eingegangen. Doch er lebte weiter. Und arbeitete zeitlebens daran, die schlimmste Version seiner selbst zu werden. Weiterlesen