Schlagwort: Nationalsozialismus

Uwe Timms „Ikarien“: No Future

Wie werden Träume zu Albträumen? Das ist eine Frage, die nicht nur Neurologen und Psychoanalytiker interessiert, sondern auch jeden, der das 20. Jahrhundert in all seiner Schrecklichkeit nachvollziehen möchte. Schließlich gab es zu Beginn der Neunzehnhunderter eine wahre Inflation an Ideen und Utopienvorschläge für den Weg zu einer gerechteren Gesellschaft. Was folgen sollte, war jedoch nicht das Paradies auf Erden, sondern die schlimmste Verheerung, die die Welt in kurzer Zeit erfahren sollte. Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte die Idee einer freieren und gerechteren Gesellschaft in ihr komplettes Gegenteil sich umkehren? Eine Frage, die sich auch Uwe Timm in seinem neuen Roman „Ikarien“ stellt. Weiterlesen

Markus Orths‘ „Max“: Der Tanz auf dem Vulkan

Das Genre der „Faction“ hat Konjunktur. Im Kino kennzeichnet man es mit dem Hinweis „Nach einer wahren Begebenheit“, im Fernsehen spricht man von „Dokutainment“, wenn den historischen Quellen nun auch von Schauspielern nachgestellte Szenen beigegeben werden, die – im Regelfall sehr albern – Momente der Geschichte anschaulich machen sollen. Auch in der Literatur erfreut sich die Gattung besonders in den letzten Jahren großer Beliebtheit: Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“, Krachts „Imperium“, Hettches „Pfaueninsel“: All diese Romane erzählen von realhistorischen Figuren und Ereignissen, gestalten sie aber literarisch aus, erfinden dazu, lassen weg. Mit Markus Orths’ „Max“ erscheint nun ein weiteres Buch des Genres. Weiterlesen

Lutz C. Klevemans „Lemberg“: Das große Nichtmehr

Wenn im Jahr 2014 auf der Krim nicht ein zweifelhaftes Referendum über den Anschluss an Russland durchgeführt worden wäre, die Ukraine würde weiterhin in der Aufmerksamkeitsperipherie Europas schlummern. Das Einzige, was man von der einstigen Sowjetrepublik in Deutschland mitbekam, waren die endlosen politischen Querelen an der ukrainischen Staatsführung und dass jeweils der eine dem anderen den Gashahn abdrehte. Doch mit dem Eingreifen Russlands war das Land am Schwarzen Meer wieder im Zentrum der politischen Auseinandersetzung – bis zur Flüchtlingskrise. Das kulturelle Desinteresse an der Region stand schon immer im Gegensatz zum territorialen Gierblick der Großmächte. Denn das Gebiet, das heute Ukraine heißt, hatte schon viele Namen. Dieses Schicksal teilt auch eine der größten Städte des Landes, Lwiw, das einst Lemberg hieß. Weiterlesen

Saul Bellows „Herzog“: „His happiness was painful.“

Bellow-Herzog

Die Ich-Erzählung ist gegenwärtig die dominante Erzählperspektive in der deutschsprachigen Literatur. Sie verspricht Unmittelbarkeit, versucht erst gar nicht so etwas wie Objektivität vorzugaukeln und hat die Allmacht des auktorialen Erzählers des 19. und 20. Jahrhundert verloren. In ihr lassen sich innere Vorgänge nicht mehr ohne weiteres von äußeren trennen, jede Wahrnehmung ist vom Ich bestimmt. Auch wenn der Ich-Erzähler nicht exklusiv der Autobiographie vorbehalten ist, birgt er immer die Versprechung auf eine Instanz, die für das Erzählte einsteht, zur Not auch mit dem Leben. Welch Irrsinn! Wer heute noch mal Saul Bellows „Herzog“ liest, kann die Dominanz des Ichs nur bedauern. Weiterlesen

Louis-Ferdinand Célines „Von einem Schloß zum andern“: Einer flog übers Kuckucksnest

Louis-Ferdinand Célines Roman „Bis ans Ende der Nacht“ ist eine der wenigen, wirklich wichtigen Wegmarken der Weltliteratur. Kaum jemand hat es wie Céline verstanden, die Schrecken der Moderne so einzufangen, der Dialektik des Fortschritts eine literarische Form zu geben. Sein Meisterwerk katapultierte ihn in eine Liga mit Balzac, Flaubert und Proust – doch Céline war ein verstörter und verstörender Geist. Seine Radikalisierung hin zur antisemitischen Rechten blieb für seinen Nachruhm nicht folgenlos. Während des Zweiten Weltkriegs sympathisierte der Autor mit dem französischen Vichy-Regime, an dessen Seite er die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs verbrachte. Über diese letzten Tage schrieb Céline unter anderem seinen autobiographischen Roman „Von einem Schloß zum andern“ – ein bizarres Schreckensschauspiel und die Demolierung eines Jahrhunderttalents.


Es ist eine der obskureren Randgeschichten des Zweiten Weltkriegs: Als 1944 das bislang besetzte Frankreich von den Alliierten befreit wurde, flüchtete die Vichy-Regierung nach Sigmaringen, um dort eine Exilregierung zu bilden. Untergebracht im Hohenzollernschloss (und damit Familiensitz des einflussreichsten deutschen Adelsgeschlechts) saßen nun Marschall Petain und sein Premierminister Laval als Herren ohne Untertanen in Deutschland und mussten dabei zusehen, wie die alliierten Streitkräfte immer näherrückten. Unter ihnen befand sich auch Louis-Ferdinand Céline, der das merkwürdige Treiben als Burgarzt mitverfolgte. Mittlerweile völlig abgewirtschaftet, hatte er für sich und alle anderen nur noch Spott übrig.

Offen gesagt, hier, unter uns – ich ende noch schlimmer als ich angefangen habe …

Seiner Biographie folgend ist auch die Erzählsituation in „Von einem Schloss zum andern“ angelegt. Céline erzählt aus den letzten Tagen des Krieges, die er im Hohenzollernschloss verbringt und seiner beruflichen Ausbildung gemäß als Arzt für das leibliche Wohl der illustren Gesellschaft zuständig ist. Der Autor ist sich seiner schwierigen Stellung bewusst, selbst führende Leute des Vichy-Regimes haben schon von ihm Abstand genommen, im Nachkriegs-Frankreich wird ihm als Kollaborateur kein gemäßer Platz eingeräumt: „Ich habe nur eins voraus!… für die Franzuskis das Kreuz genommen zu haben, ich hätte ganze Mauern voll Plakate verdient, weil ich der vollkommene Verräter bin, der Judenzerfleischer, Verschacherer der Maginotlinie, und Indochinas und Siziliens …“

Genug gebabbelt!

Céline nimmt die Rolle des Parias an und wendet sie gegen seine Widersacher: „Aber ich habe vielleicht keinen Grund, mich zu beklagen … denn ich lebe noch … und jeden Tag verliere ich Feinde!“ Der Wille zum Überleben ist überhaupt das einzige, was diese totgeweihte Gesellschaft noch zusammenhält und auch dieses Vorhaben scheint bedroht. Célines Blick auf seine Umwelt ist, wie auch in „Bis ans Ende der Nacht“, der eines Arztes: alles fault, verwest, steht nur noch mit einem Bein im Diesseits. Politisch, so könnte man behaupten, ist der Schriftsteller am Nullpunkt angekommen: seine antisemitischen und rassistischen Ausfälle hat er zwar nicht hinter sich gelassen, aber zumindest kennt er keine Verbündeten mehr – Deutsche, Franzosen beider Seiten, alles der gleiche Auswurf: „Pißkrüstchen- und Hostienfresser, immer wieder sieht man sie sybillenhaft, immer wieder tauchen sie auf, von Jahrhundert zu Jahrhundert…. Kontinuität der Staatsgewalt!“

„Oh, Sie übertreiben, Céline! Sie übertreiben immer!… alles!“

Seinem Gemüt nach wird in „Von einem Schloss zu andern“ auch nichts mehr erzählt. Der Text ist eine Aneinanderreihung von wüsten Beschimpfungen, Vulgaritäten und Pöbelein. Céline geriert sich hier als Größenwahnsinniger, der von seiner historischen Rolle als Lichtgestalt überzeugt ist: „ich bin der Mann in Europa, der am meisten recht hat! und der freiwilligste! fünfzig Nobelpreise stünden mir zu!“ Wenn der Text überhaupt noch etwas darstellen will, dann die Atmosphäre von Tagen einer Zäsur. Historische, wenn auch abgründige, aber dennoch historische Gestalten schrumpfen in diesem Text zu Witzfiguren zusammen, deren einstiges Bedrohungspotential in einer morbiden Komik endet. Währenddessen schildert der Erzähler immer wieder die dröhnenden Fluggeräusche der Royal Air Force, die das vermeintlich tausendjährige Rauch in Schutt und Asche legt.

Entschuldigen Sie, daß ich so viel von mir spreche … ich trete die Sache breit … sind’s die Verdrießlichkeiten? …. Sie haben auch welche! diese Literaten sind entsetzlich! so geknickt von ihrem Ichichismus!

So könnte man „Von einem Schloss zum andern“ auch als Abschied vom Erzählen verstehen, denn in einer Welt, die in Flammen steht, gibt es nichts mehr zu erzählen: „Ah, ich machte mir nichts vor, wir waren wirklich da! im Bahnhof…. Aber in einem ‚nichtvorhandenen‘! wir hielten: man war da! ein Pfahl… aber kein Ulm mehr!…. ein Schild ULM…. Das war alles!“ Von der Welt, die Céline kannte, sind nur noch leere Bezeichnungen übrig geblieben, das, was sie einstmals benannten, liegt in Trümmern. Louis-Ferdinane Céline bleibt von einer Radikalität beseelt, die ihn einst in den literarischen Olymp katapultierte und immer noch aufregende Früchte trägt. Doch leider ist „Von einem Schloss zum andern“ auch ein Zeugnis von einer Selbstdemontage, einem Feldzug gegen die ganze Welt und gegen sich selbst, vor den Augen der Welt. Davon in diesem Roman Zeuge zu werden, ist ein zweifelhaftes, ein morbides Vergnügen.

Der Großmeister der Kritik: Deborah Vietor-Engländers Alfred Kerr-Biographie

Wenn er das Theater betrat, erstarrte der Saal in ehrfürchtiger Stille. Dramatiker und Schauspieler zitterten, wenn sie am Tag nach der Premiere die Zeitung aufschlugen, um seine Besprechung zu lesen. Millionen von Lesern zwischen Königsberg und Paris berichtete er wöchentlich über die kleinen und großen Verfehlungen der Berliner Kulturelite, aber auch aus seinem Privatleben: Vor 100 Jahren gehörte Alfred Kerr zu den prominentesten Berlinern seiner Zeit. Endlich hat Deborah Vietor-Engländer dem Großmeister der Kritik eine ausführliche Biographie gewidmet. Weiterlesen

George Prochniks „Das unmögliche Exil“: Panik plus Abschiedsweh

Sich mit Flucht- und Exilerfahrungen auseinanderzusetzen, scheint heute wichtiger denn je. Bei Stefan Zweig scheint sich diese Beschäftigung doppelt zu lohnen, denn als Schriftsteller kann er wie kaum ein anderer seine innere Zerrissenheit zur Sprache bringen, anschaulich machen, was die gewaltsame Entwurzelung für den Einzelnen bedeutet. Bei ihm ist die Sache jedoch komplizierter als sie bei vielen anderen eh schon ist: als österreichischer Jude drohte ihm die Vernichtung, hätte er das Dritte Reich nicht früh genug verlassen. Allerdings floh er aus einem Land, das es bald schon gar nicht mehr geben sollte. Das führte zu dem unglücklichen Umstand, dass er bei Kriegsbeginn 1939 im englischen Exil als Deutscher identifiziert wurde. Seit Zweig Österreich für immer verließ, war er sich seiner Stellung in der Welt nicht mehr sicher und kam nirgendwo mehr richtig an. Von dem, was es heißt, im Exil zu sein, erzählt der amerikanische Autor und Journalist George Prochnik. Weiterlesen

Oliver Hilmes‘ „Berlin 1936“: Sechzehn Tage Farce

Das Jahr 1936 bedeutete für das Dritte Reich die Rückkehr auf die große Weltbühne. Nach drei Jahren der innerpolitischen und –parteilichen Konsolidierung wagten die Nationalsozialisten im März ihren ersten großen Streich. Frühmorgens marschierten plötzlich Verbände der Wehrmacht ins Rheinland ein, die deutsche Reichsführung brach damit internationale Verträge, was jedoch in der europäischen Öffentlichkeit nur zarte Proteste provozierte. Die Westmächte waren kriegsmüde und hatten wenig Interesse daran, eine Eskalation herbeizuführen. Im gleichen Jahr fand jedoch auch die größte Publicity-Aktion des Dritten Reiches statt. 1936 waren die Olympischen Spiele nach Berlin gekommen. Es war der erste und letzte große Versuch, Nazi-Deutschland vor den Augen der Welt ein freundliches Gesicht zu geben und seine wahren Absichten zu verschleiern. Diesen sechzehn Tagen hat Oliver Hilmes nun einen kaleidoskopischen Text gewidmet, kundig und hochinteressant. Weiterlesen

„Glückskind mit Vater“: Mein Name sei Boggosch

Christoph Hein ist der große Chronist des Umbruchs. Anders als Autoren wie Christa Wolf oder Jurek Becker schlug Heins literarische Stunde erst nach der Wende. Seit der Wiedervereinigung beschäftigt er sich immer wieder mit Strukturen gesellschaftlichen Wandels und den Konsequenzen für Biographien. Romane wie „Landnahme“ erzählen davon, wie eine Gesellschaft von der Wucht des Kapitalismus getroffen wird und dass die Zukunft den Opportunisten gehört. Der Vorwurf, der an viele Ost-Autoren immer wieder gerichtet wurde, sie hätten nach dem Ende der DDR ihr Thema verloren, trifft Christoph Hein nicht, denn er hat sehr wohl verstanden, dass das Ende des Realsozialismus Deutschland noch sehr lange beschäftigen wird; der grassierende Rechtsradikalismus in Sachsen und anderswo geben ihm Recht. Für seinen neusten Roman „Glückskind mit Vater“ spannt er den Bogen besonders weit und beschreibt das Schicksal einer Familie – vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in unsere Gegenwart. Weiterlesen

Andrzej Stasiuk: Die Tektonik des Ostens

Die Losung Heinrich Himmlers „Der Osten gehört der SS.“ ist der grausame Höhepunkt europäischer Großmachtphantasien. Die Nationalsozialisten wollten in Osteuropa all das verwirklichen, was sich ihre Chefideologen an Spinnereien ausgedacht hatten: Das deutsche Volk hatte zu wenig Raum, deswegen musste Platz geschaffen werden. Was dann folgen sollte, war die perfekte, natürlich deutsche, bäuerliche Gesellschaft – arisch und naturverbunden. Der Osten Europas war schon immer Ort großer Umwälzungen und heikler politischer Projekte. Wer nachvollziehen will, wie deutsche Generäle schon während des Ersten Weltkriegs ins Schwärmen kamen, als sie über die deutsche Zukunft im Osten nachdachten, der lese Arnold Zweigs „Der Streit um den Sergeanten Grischa“. Das letzte Projekt, das Eurasien übergestülpt wurde, war der Kommunismus. Die Schaffung des neuen Menschen hat jedoch Trümmerlandschaften zurückgelassen, durch die Andrzej Stasiuk in seinem neuen Text „Der Osten“ gezogen ist. Weiterlesen