Schlagwort: Selbstbestimmung

Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“: Im inneren Salon

Bei den diesjährigen Emmy-Verleihungen gab es viele Sieger, wie sollte es auch anders sein, bei einer Verleihung, die Preise mit der Gießkanne ausschüttet. Doch einer der großen Sieger war sicherlich „The Handmaid’s Tale“. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood und zieht einen mittellangen Roman auf die Länge von zehn Folgen. Die im Text so dominante Ich-Erzählerin June Osborn bzw. Offred wird in der Serie ausgerechnet von der so talentiert wie religiös verwirrten Elisabeth Moss verkörpert. Doch dass die Hauptdarstellerin einer Serie, die eine totalitär-religiöse Gesellschaft zeichnet, sich der Humbug-Gemeinschaft von Scientology angeschlossen hat, ist nicht die größte Krux. Wer heute noch mal Atwoods Roman „The Handmaid’s Tale“ liest, kann verstehen, warum dieser Stoff als Serie nur scheitern konnte – und warum Atwood eine große Schriftstellerin ist. Weiterlesen

Han Kangs „The Vegetarian“: „I would prefer not to“

Herman Melvilles Erzählung von Bartleby dem Schreiber gehört zu den bedeutendsten Texten der Moderne. Mit der schlichten Formel „I would prefer not to“ nahm Bartleby Figuren wie Gregor Samsa oder Josef K vorweg, denn – obwohl 1853 erstmals erschienen – gehört er zu den Schlüsselfiguren des 20. Jahrhunderts. Melvilles Text macht darauf aufmerksam, was eine komplexe Gesellschaft aus der Ruhe bringt: die Verweigerung. Eine Welt, die so schrecklich gut funktioniert, ist darauf angewiesen, dass man sich ihr affirmativ nähert. Bartleby ist vieles, aber vor allem ein Störfeuer, der Sand im Getriebe.  Mit Han Kangs „The Vegetarian“, 2007 auf Koreanisch, 2015 in der englischen Übersetzung auf den Markt gebracht, ist Bartleby zurück – in Form von Yeong-hye, einer koreanischen Hausfrau, deren „I would prefer not to“ zu einem „I would prefer not to eat any meat“ wird und damit ihr Umfeld ins Chaos stürzt. Denn auch Han Kangs Text erinnert den Leser daran: nichts bringt eine Gesellschaft mehr in die Bredouille als die Verweigerung. Weiterlesen

Martin Walser: Im Patentamt der Literatur

Wer Martin Walsers Werkverzeichnis überfliegt, muss schon zweimal hinschauen, um zu realisieren, es mit der Schaffenskraft eines Achtundachtzigjährigen zu tun zu haben. Walser ist so etwas wie der Helmut Schmidt der deutschsprachigen Literatur: je älter er wird, desto mehr hat er zu sagen. Das Alter des Schriftstellers im Zusammenhang mit seinem neusten Roman „Ein sterbender Mann“ zu erwähnen, ist eigentlich eine makabre Wendung. Doch fern liegt es trotzdem nicht. Denn im letzten Abschnitt seines Schaffens wendet sich der Autor den großen Themen zu: dem Sterben und der eigene Entscheidungskraft über den Tod, Leidenschaft im Alter und großen Zäsuren im Lebensweg. Leider bricht Walsers Erzählkonstrukt unter der Last derlei thematischer Schwergewichte zusammen. Weiterlesen

Charlotte Roches „Mädchen für alles“: Literatur als Programmzeitschrift

Charlotte Roche hat kürzlich in einem Interview mit der FAZ beachtenswertes Kund getan: „Ich treffe bei Lesungen Leute, die sagen, dass sie es noch nie geschafft haben, ein Buch ganz durchzulesen, außer meins. Das heißt, ich erreiche Leute, die sonst nicht lesen.“ Sie hat damit ziemlich treffend ihre Rolle im Literaturbetrieb beschrieben. Die Bücher von Charlotte Roche zeigen der Kritik regelmäßig die Grenzen auf: So sehr das Feuilleton auch über ihre Bücher herfallen mag, sie verkaufen sich dennoch wie geschnitten Brot. Wenn man es positiv beschreiben wollte, hat man es hier also mit einer besonders mündigen Leserschaft zu tun. Im Umkehrschluss könnte dies aber auch bedeuten, die Kritik hat ihre Rolle als Literaturvermittlung – zumindest in diesem Fall – längst aufgeben müssen. Anstatt also auch ihren neusten Roman „Mädchen für alles“ in Bausch und Bogen zu verreißen, muss wohl eher der Versuch einer Annäherung an das Phänomen Roche gewagt werden. Weiterlesen