Schlagwort: Utopien

Uwe Timms „Ikarien“: No Future

Wie werden Träume zu Albträumen? Das ist eine Frage, die nicht nur Neurologen und Psychoanalytiker interessiert, sondern auch jeden, der das 20. Jahrhundert in all seiner Schrecklichkeit nachvollziehen möchte. Schließlich gab es zu Beginn der Neunzehnhunderter eine wahre Inflation an Ideen und Utopienvorschläge für den Weg zu einer gerechteren Gesellschaft. Was folgen sollte, war jedoch nicht das Paradies auf Erden, sondern die schlimmste Verheerung, die die Welt in kurzer Zeit erfahren sollte. Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte die Idee einer freieren und gerechteren Gesellschaft in ihr komplettes Gegenteil sich umkehren? Eine Frage, die sich auch Uwe Timm in seinem neuen Roman „Ikarien“ stellt. Weiterlesen

Stanislaw Lems „Gast im Weltraum“: Die überglückliche Gesellschaft

Eine der Lesefreuden historischer Science-Fiction-Literatur besteht darin zu entdecken, wie man sich früher das Leben in der Zukunft vorgestellt hat. Vieles, was damals als vage Zukunftsvision entworfen wurde, wirkt mittlerweile naiv bis befremdlich. Auch so bei Stanislaw Lems „Gast im Weltraum“, allerdings aus einem anderen Grund. Als der Roman 1955 im polnischen Original erschien, musste der Realsozialismus schon einige Schläge ins Kontor hinnehmen. Zwei Jahre zuvor war der Übervater der UdSSR Josef Stalin gestorben, mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen im Zuge des Aufstand des 17. Junis hatte die Schutzmacht der DDR deutlich gemacht, wie zukünftig Brüderlichkeit unter Bruderstaaten aussehen sollte. Für viele war das Jahr 1953 eine Zäsur, der Traum vom gerechten Leben war schon wieder ausgeträumt. Nicht so in Stanislaw Lems „Gast im Weltraum“, in dem der Weltkommunismus den Menschen alles bietet – nur nicht das Unbekannte. Weiterlesen

Emma Braslavsky: Literatur ist eine Art, mit einem Tier umzugehen

Die Welt hält keine Geheimnisse mehr bereit. Jeder Winkel ist entdeckt, feinsäuberlich kartographiert und von einem Nationalstaat beansprucht. Mit Google Maps, Earth und Street View kann man mit ein paar Klicks überall sein, ohne den Sessel verlassen zu müssen. Bevor man einen Ort mit den eigenen Füßen betritt, ist man medial schon hundertmal dort gewesen. Oder doch nicht? In Emma Braslavskys „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“, ihrem ersten Roman im Suhrkamp Verlag, wird eine bislang völlig unbekannte Insel entdeckt und löst damit einen weltumspannenden Hype aus. Sie wird zum Objekt der Begierde einer ganzen Reihe von Gruppen, die alle das gleiche Ziel haben: die Verbesserung der Welt. Emma Braslavsky stellt mit ihrem Roman die wichtigen Fragen unserer Zeit: Wie kann die Welt zu einem besseren Ort gemacht werden, welcher Weg führt dort hin und zu welchem Preis kommt das ständige Engagement? Weiterlesen

„Das bessere Leben“: Ideenland ist abgebrannt

Würde man Wetten auf den Gewinner des Deutschen Buchpreises abschließen, Ulrich Peltzers „Das bessere Leben“ würde wohl die niedrigste Gewinnquote erzielen. Der in Berlin lebende Romancier gilt als großer Favorit für den diesjährigen Preis. Auch Peltzers vorherige Romane, genauso wie seine Zusammenarbeit mit Regisseur Christoph Hochhäusler für den Film „Unter dir die Stadt“ haben positive Resonanz im Feuilleton gefunden. Nun positioniert er sich mit „Das bessere Leben“ in einer Debatte über unsere Gegenwart und wie sie es mit großen Utopien vom Fortschritt hält. Weiterlesen